documenta (13)

Zum Konsumieren, nicht zum Nachdenken

Was durch das Schriftbild schon vorab für Furore gesorgt hat, bleibt inhaltlich auf der Strecke. Über weite Teile Rätzel raten ohne Knotenpunkte. Ohne Lösung, ohne Brückenstück. Nun mag der ein oder andere antworten: das ist es doch, das Ziel der zeitgenössischen Kunst, selber nachdenken!! Was aber, wenn das berühmte Bindeglied fehlt? Ist bloße Zurschaustellung nicht zu kurz gegriffen? LOHA Trendkost, anstatt nachhaltig zu Ende gedachte Konzepte. Würstchenbuden mit BIO Option, anstatt Vegiekost und Mülltrennung- nur am Rande bedacht. Zeitüberbrückung via „Gartendurchschreitung“ auf dem Flüsschen, das zumindest der dOCUMENTA ein frisches Wässerchen bring.

Nun wurde alle fünf Jahre das Werk in Kassel zerrissen, Zeitgenössisches zerrupft und ins Reich der Belanglosigkeit verband. Kritik also nichts Neues. Diese nicht, fragt sich warum?
Sehr löblich: Der mutige Betrachter sollte unvoreingenommen die Kunst aufnehmen, in sich bewegen, als solche verstehen. Kritik baut da oft im Vorfeld schon Hemmschwellen auf.
Hier vielleicht angebracht?

Wie eine Schnitzeljagd für Große, Aussteiger und IPad-Fans gestaltet sich das Suchen nach Kunst auf der, fast schon Bundesgarten Schau mäßigen, Ausstellungsfläche. Der Weg ins Grüne, die Begegnung mit der Natur: einzigartig und für den kultivierten Stadtmensch wahrlich eklatant. Deshalb aber auch virtuos? Steht die Kunst so weit zurück gerückt, dass das WIE über das Was gewonnen hat? Eine Documenta, welche die Chance ergreift und möglichst viel ausgegrenzte Ethno-, Öko- und sonstige Plüsch- und Tantkunst aus ihrem Bläschendase im Abseits holt und zum „Trend“ erhebt. Man merke: Stoffe, Natürlichkeit, Raumgestaltung, alternatives Leben, Upcycling– alles Kunst. Passt wunderbar zum Bio-Boom. Art goes green, like IKEA. Ist das so? Ist Kunst dem Mode-, Design und Juppietum unterworfen? Zeitgenössische Kunst gleich Zeitgeist macht Sinn. Misslich fällt hier jedoch dessen einseitige Beleuchtung auf. Was ist mit schon da gewesenem, zu langweilig, um den Anschluss und die Entwicklung aufzuzeigen? Man denke an Video, Lichtinstallationen, Mechanik, aber auch Performance und gar FLUXUS oder Happenings. Die Demonstranten auf dem Friedrichsplatz wirken eher zoologisch ausgestellt, denn interaktiv mit dem Publikum verschmolzen. Wie kann es sein, dass die Welt ein und aus geht im wunderschön beschaulichen Kassel und neben Kunst und Kultur kein Platz ist für Lokales? Warum skaten die Jungs neben Dock 4 völlig unbehelligt vom Geschehen, während drinnen Piss-Paintings in Form von Toiletten Graffiti gezeigt werden? Wieso laufen Massen an Besuchern durch die Innenstadt und den barocken Schlosspark, ohne andersherum die dOCUMENTA zu erfahren? Wo ist die partizipative Gestaltung der Kunst? Performance nur in der abgeschotteten Emotion-Box  in der Neuen Galerie..

Zeitgenössische Kunst, ihre Diskussion, ihre Darstellung und Auswahl sollte mehr können. Sich selbst mehr abverlangen, gerade weil sie zeitgenössisch ist und per se den Betrachter erst einmal verstört und zum Denken anregt. Aber allein „Ist das Kunst oder kann das weg?“ zu denken trifft den Kern der Sache nicht. DoCuMeNtA könnte mehr als ein markanter Rechtschreibfehler sein, mehr als ein Irrtum in der Kunstgeschichte. Sie könnte erfahrbar, lebbar und gleichzeitig bedeutungsschwer sein. Nicht nur Grün (.)

Zum Glück gestalten auch fern der Ausstellungsräume Straßenkünstler und Menschen ihren Lebensraum, sodass auch ein wenig Street art und Urban Life erkennbar ist in Kassel. Und nicht nur: Über-all-Kunst und Hundehütten. Next time vielleicht mehr Statements und weniger „Vielleicht“. So macht man sich zwar angreifbarer- und die Dokumenta wieder zum Streitgespräch- doch irgendwie könnte das Eventuelle der Kunst doch leicht in mögliche Unsicherheit des verwirrten Publikums übergehen, oder vielleicht doch nicht?

Nichtsdestotrotz eine wunderbare Grünanlage. Wir sehen uns in fünf Jahren!

  1 comment for “documenta (13)

  1. September 13, 2012 at 6:22 pm

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