Die unergründlichen Wege eines KUWIs

Vom Land der Tausendfüßler und Zyklopen

Aus dem Radio dröhnt : „Wind of change.. or chance?“ und wetteifert mit “Got that summertime, summertime saaaaadness”.. meldoische Klänge, zarte Stimme, aber harte Fakten.

Das Leben ist kein Ponyhof aber das Wunschkonzert  unserer Zeit schillert in den formschönsten Farben -auf allen Kanälen.  Kein Wunder, dass wir „Softindividualisten“ völlig überfordert sind. Mit der Wahl der Qual oder aber den plötzlich eingeschränkten Möglichkeiten. Ein jedem sein Eigenheim im Disneyland und eine große Portion Popkorn bitte. Doch Zeitschriften und Angstkultur jeder Art zeigen, da muss noch ein Stück Wirklichkeit übrig sein..  Außerhalb des Studiums. Bachelor Shock! So kurz. Und was nun? Weiter rennen in der Schleife der Wissenschaft, die Praxis suchen, Reisen, Arbeiten, einreihen in die Praktika Schlange?

Der Summer Blues ist unvermeidlich. Oft noch verstärkt durch Zeitdruck und Altlasten des Studiums, die akribisch in der Bibliothek abgetragen werden wollen. Da freut man sich wenn es durch die Gänge weht, ein frischer Wind aufkommt und den Staub umher wirbelt. Ob der von der Uni-internen Baustelle kommt? Das Audimax wächst.. zunächst jedoch in die Tiefe. Allgegenwärtig lockt das Bodenlose, das Netzwerk der Ideen, unzählige Optionen.  Immer mit der Vision im Kopf: Freigeist sein, bleiben und werden.  Was einen KUWi (in Lüneburg) dabei antreiben kann?

“ Leidenschaftliche Umsetzung gut durchdachter künstlerischer Kulturprojekte, bemüht um stetige gesellschaftliche Veränderung, angetrieben durch Change- und Innovationsmanagement. Wechselspiel der Kunst, des Mitarbeiten, des Marktes und der Innovation.“

Kultur

Kunst und Kultur werden kulturpolitisch längst nicht mehr so eingegrenzt definiert, wie es die Ideale und Visionen der Hochkultur vorgeben. Kultur darf Spaß machen und muss sein Publikum ansprechen, bestenfalls mitreißen, faszinieren und vielleicht sogar verändern, Denkanstöße liefern. Doch wie das alles erreichen und zum Beispiel StudentInnen vermitteln? Dieses Problem sind wir 2011 für Lüneburg angegangen, unter dem Motto: Kultur vor Ort- Lüneburg kein Vorort! Das Ziel: StudentInnen mit den Institutionen Ihrer Universitätsstadtverbinden, egal ob Pendler oder Zugezogene. Kultur ist für alle da und sollte allen zugänglich sein. Andersherum, sollten aber auch Institutionen mehr Interesse und Bemühen zeigen StudentInnen anzusprechen, auf eine Art, die sie verstehen und mögen. Die Idee: Das Semesterticket Kultur. Virtuell agierend als Facebook Gruppe, real als Vertrag zwischen dem Asta und mehreren Kulturinstitutionen Lüneburgs. StudentInnen wollen Kultur und ermöglichen sich gemeinsam über eine Semestergebühr von 2 Euro die Möglichkeit 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn kostenfrei Restkarten zu erhalten. Win-Win. Kulturmanagement 2.0, im wahrsten Sinne des Wortes. Via Facebook werden Veranstaltungen beworben, von Studentenhand. Die Kulturinstitutionen erhalten einen festen Betrag, gehen kein Risiko ein, da ihre Stühle andernfalls leer blieben und der Studentenschaft stehen potenziell pro Semester über 400 Veranstaltungen zur Auswahl. Ertragsmanagement durch Auslastungsoptimierung, Vernetzung und niederschwelliger Kulturzugang. Evaluation ist nun der nächste Schritt, da auch Kultur Zielsysteme erreichen und kritisch reflektieren muss.

Mitarbeit

Partizipation, ein Trendwort wie viele andere. Aber entscheidend für unseren heutigen Zeitgeist, unsere Generation. Nicht erst seit der Piraten Partei wissen wir, Web 2.0 öffnet uns ganz neue Möglichkeiten. Medien verändern sich, sind nicht länger einseitig codiert, sondern interaktiv, Beteiligung, ja sogar Selbstgestaltung ist möglich. Jeder kann programmieren lernen, jeder Wissen generieren und anderen mitteilen. Alle Gesellschaftsbereiche ziehen nach, auch die Kunst. Das Kieler BarCamp 2012, bei dem Kuwis aus Lüneburg unterstützend am Nordkolleg mitarbeiteten, ist ein gutes Beispiel hierfür. Gemeinsam werden Inhalte und Konzept des Camps gestaltet. Es geht darum, möglichst viel Outcome zu produzieren, jeden zu involvieren und aktivieren. Ziel: Ressourcen nutzen und Kunst- und Kulturwirtschaft vernetzen. Dieses Ziel verfolgen wir im Galerieprojekt des Kunstraums Lüneburg ebenfalls, hier durch die Erhebung des Daniel Frese Preises. Die Ausstellungsreihe zur Preisverleihung widmet sich Themen des aktuellen Diskurses: Kunstmarkt, Nachhaltigkeit, Zukunft. Künstler aus der Region sind gefragt, aufgefordert mitzumachen und die Resonanz ist groß. Mitarbeit bedeutet schließlich aktive Menschen. Ihr Einsatz, ihre Ideen, ihre Hilfe und gemeinsame Umsetzung, das alles schafft Kultur – gerne sind wir Teil davon!

Markt

Die Umsatzzahlen der Kreativwirtschaft sprechen eine klaren Sprache: sie kann sich wirtschaftlich mit der Automobilbranche messen! Der Künstler oder besser „artistic entrepreneur“ vergisst jedoch oft, dass er in einem ökonomischen Raum agiert und sieht in Aufopferung und Selbstausbeutung häufig die einzige Existenzlegitimation. Dabei gilt es die wirtschaftliche Seite der Kultur nicht als per se böse zu verdrängen, sondern zu nutzen. An der Leupahna Universität Lüneburg kann man Wege erforschen Kreatives, vermeintlich Gutes, Soziales oder Ökologisches als Geschäftsmodell umsetzen zu können, ohne dadurch die leidenschaftliche Essenz zu verlieren. Einige unsrere StudentInnen organisieren regelmäßig ehrenamtlicht verschiedene „StartupWeekends“, „Gründerworkshops“ in Hamburg und „IdeenSlams“ in Lüneburg, aber auch die Arbeit des Gründerzentrums des Innovations Inkubators verfolgt diesen Ansatz des Change- und Innovationmangements.

Innovation

„Nichts ist so beständig wie der Wandel“, ein altbekanntes Zitat, doch für die Kunst- und Kulturwirtschaft immer wieder von aktueller Bedeutung. Trends, Chancen, Wandel – der Wirtschaft, aber auch der Medien, Gesellschaft und Kunst. Kunst wird Kultur. Antiökonomie, wirtschaftlich. Einzelakteure zu Kollektiven oder ganzen Netzwerken. Auch Kulturmanagement verändert sich, neue Medien können nicht das Einzige bleiben. Öffnung der Kunstsparten, sowie Einbezug der Politik und Wirtschaft verlangt nach Ganzheitlichkeit und Perspektivenwechsel. In Lüneburg, im Studium, im In- und Ausland, verschiedene Festivals vor Ort, das Theater oder Museum, die ganze Kulturbranche hier zeigt, wie wichtig es ist, flexibel zu bleiben und offen zu sein neue Wege zu gehen. Nicht der Blick zurück ist entscheidend, das „noch zu Erreichende“ ist es, was zum Beispiel auch den Kulturstammtisch Lüneburg bewegt.

Blick in die Zukunft: Kulturmanagement

Diese Aussage findet man kaum im Kulturbereich, gar an einem namhaften Institut. Bisher steht noch oft bewahren und sichern an erster Stelle. Doch Kunst und Kultur unterliegt dem stetigen zeitgenössischen Wandel. Nie herrschte in diesem Bereich ein Stillstand, gar ein Zustand des Vollendeten. Immer bleibt Kunst ein Neubeginn, eine Innovation, die Antwort auf eine neue Problemstellung. Material, Technik, Philosophie, alles im Fluss. Nur eines blieb konstant, der Glaube an die Illusion, die autonome Authentizität der Kunst. Nun scheint diese durch aktuelle Definitionen der Politik in Frage gestellt, gar bedroht oder niedergemacht. „Kulturinfarkte“ erschüttern Deutschland, welches sich nach Aussage von Polemikern schon selbst abgeschafft hat. Das Land der Dichter und Denker war einmal und der kulturelle Untergang ist nah. Diesen Eindruck habe ich nicht und es scheint mir viele StudentInnen, Engagierte und Lüneburger teilen diese Meinung. Der Blick nach Vorne zeigt: unendlich viele Möglichkeiten! Folgt man dem heutigen Diskurs so könnte man mitunter jedoch meinen, Kultur wäre in Deutschland ein aussterbender Gesellschaftsbereich, verdrängt von ökonomischen Bedürfnissen, unbeständig im ständigen Angebot-und-Nachfrage-Kampf. Doch nein, ganz im Gegenteil. Deutschland schafft sich zwar selbst Krisen, erfindet sich aber stets neu- auch (s) eine Kunst. Das kulturelle Feld bewegte sich schon seit jeher eingebettet im sozialen Raum mit Einflüssen unterschiedlichster Akteure. Das heißt meiner Meinung nach aber nicht, dass diese die Kunst oder Kultur bedrohen. Kulturmanagement verbindet die verschiedenen Strömungen, vernetzt, führt wertvolle Synergieeffekte branchenfremder Bereiche zusammen und nutzt sie. Somit ergänzen strategische Planung, Kommunikation, neue Medien, Technik und Ökonomie, sowie Politik, Recht und Soziologie die Sicht der Hochkultur und schaffen Raum für Leben und Kunst. Schon die Avantgarde des 20. Jahrhunderts war bestrebt die Kunst ins Leben zu integrieren, was nicht das  Leben der Kunst gleichstellt. Nuancen sind ausschlaggebend, Intentionen tonangebend. John Cage versuchte Ton, Bild, Raum und Licht, ja sogar das Nichts, die absolute Stille, in seinen Werken zu vereinen. Interdisziplinarität war geboren. Gruppen und Kollektive folgten. Und heute? Heute schrecken wir davor zurück soziale Medien wie twitter, facebook oder Blogs in den Kunstraum zu integrieren, obwohl sie schon längst Einzug gehalten haben. Die WebWeek in Berlin wurde nichtnur von Startups und der Kreativwirtschaft besucht, auch Kulturschaffende und Künstler setzten sich mit den neuen Medien auseinander. Crowdfunding, globale Metropolregionen, Verteilung von Ressourcen in Netzwerken, neue Arbeits- und Austauschformate, alles Themen, die auch die Kunst- und Kulturbranche bewegen. Coworking ist das neue Ateliermodel, Barcamps kommen dem Treiben von Fluxus Happenings nahe und Speed Pitching gehört unter dauerhaften Finanzierungsdruck ebenfalls zum Alltag jeder Kulturinstitution. Der Wandel der unvermittelten, geniehaften Kunst hin zum Kulturmanagement scheint also nicht nur logisch, sondern auch nötig. Veränderung lässt sich nicht aufhalten, aber strategisch analysieren und organisieren. BWL ist kein Zauberwerk, ebenso wenig wie das leibhaftige Böse. Es öffnet neue Möglichkeiten, die in Zeiten des Post- Kulturmanagements weiter erschlossen und genutzt werden sollten. Postmodernes, zeitgenössisches Agieren verlangt nach angepassten Kulturmanagementstrukturen. Verantwortung tragen, Nachhaltigkeit, aktiv Handeln, nicht bloß lenken, leiten und vorgeben. Kultur schaffen heißt formen, aber nicht nach Form sondern Augenmaß. In Interaktion mit dem Publikum, den Medien, den unterschiedlichsten Materialien und Kanälen. Eine Kulturmanagerin von heute muss soziale Kompetenzen aufweisen, einen liberalen Führungsstil haben, flache Hierarchien schaffen und trotzdem am Ende des Tages das Ziel gemeinsam definiert und erreicht haben. Bestmöglich darüber hinaus auch Evaluation und fundierte Forschung betreiben, sodass die Kulturmanagementlehre aus dem Status Quo der just-do-it Attitüde zu wissenschaftlichen Ergebnissen kommt. Hohe Ansprüche, philosophisch gar, hoch gesteckte Ziele. Das kann keine Person alleine schaffen, keine Disziplin im luftleeren Raum erforschen. Kultur muss interdisziplinär agieren. Berufe entlang der Schnittstellen einbeziehen oder neu entwickeln. Ämter, private und öffentliche Institutionen, Selbstständige, Organisationen, oft auch Unternehmen, sie alle ziehen an einem Strang: Kultur schaffen.

Es stehen uns KUWIs als viele Türen offen! Wir können die  Jahre der eierlegende Wollmilchsau hinter uns lassen. Die watschelnde Ente, nicht noch schillernderer, aber sicherer und beständig machen. Vom schwarzen Entlein zum Schwan vielleicht, der auch vieles kann -Generallist ist eben- dabei jedoch mutig handelt und formschön ist.

Auf in den großen Teich der Realität..!

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