Naturkultur oder Kultur der Natur?

..vergangener Diskurs um Begrifflichkeit und Ursprung Kultur.

Die Natur ist das zentrale Bindeglied unserer Kultur, mehr noch, sie bedingt diese und ist so ihr zentraler Mittelpunkt.“

 Diese provokante These stößt im Allgemeinen häufig auf Verwirrung. Unsere moderne Massen- und Popkultur, die wir so gerne als zeitgenössische Kunst oder Teil unserer „westlich-elitären“ Hochkultur wahrnehmen, soll bloß ein natürliches Produkt, eine Randerscheinung der Natur sein? Nur sehr schwer will sich hier ein Zusammenhang erschließen… Rasch ist man geneigt an einen Irrtum zu glauben, das Ganze widerspenstig als absurdes, theoretisches Gedankenkonstrukt, ohne Bezug zur Praxis, abzutun. Eine genauere Betrachtung scheint daher ratsam.

Zunächst einmal handelt es sich hier natürlich – im wahrsten Sinne des Wortes- um eine Theorie, besser gesagt um ein Modell. Jenes versucht eine Definition des Begriffes Kultur herzuleiten, um diese begreifbar zu machen! Es dient also nicht dazu unsere bereits spezialisierten, spezifisch veränderten Begriffe von Kultur, wie zum Beispiel die zuvor angesprochene geistige Bildung, die Künste oder den technologischen Fortschritt, zu bewerten oder einzugrenzen. Vielmehr geht es darum eine breite Grundlage zu schaffen, die möglichst viele beziehungsweise alle historisch-gesellschaftlich geprägten Kulturbegriffe erfasst und so die Mannigfaltigkeit dieser widerspiegelt. Ausgangspunkt ist dabei die Fragestellung: Was macht die Welt mit uns und was machen wir mit ihr? Der Begriff Kultur an sich gibt uns hier schon einen ersten entscheidenden Hinweis.

Im alltäglichen Sprachgebrauch verstehen wir „kultivieren“ als ein „urbar“ machen der Natur und erkennen so jene Verbindung als natürlich an. Dadurch, dass der Mensch eine Beziehung zu der Natur aufbaut, sie verändert und etwas Neues schafft, entsteht Kultur, die der Natur gegenübersteht und sich von ihr abgrenzt. Der Kulturbegriff leitete sich daher ursprünglich aus der Natur ab und meint die Vermittlung zwischen dem vom Menschen geschaffenen Künstlichem und der Natur. Sie weist dabei allerdings einen gewissen Entscheidungsspielraum auf, der mal mehr zur einen oder anderen Seite ausschlagen kann. Somit bedingt diese vermeintlich gegensätzliche Dialektik, gleichzeitig auch ihre Rekonstruktion, da ihre eigenständigen Charakteristiken erst durch die Abgrenzung von einander entstehen.

Somit erschließt sich also die grundlegende Basis der Theorie. Der Ursprung der Kultur liegt in dem menschlichen Drang die Natur zu verändern und sie zu „kultivieren“; sie sich in gewisser Weise Untertan zu machen. Diese christlich anmutende Theorie klingt bekannt und nachvollziehbar. Doch wirft sie ebenfalls neue Fragen auf. Steht nicht auch zu Beginn der Bibel: am Anfang stand das Wort? Bevor es überhaupt Welt, Natur, Mensch oder Kultur gab. Muss nicht auch dieser im Christentum genannte „Urpunkt“ in der Kulturtheorie auftauchen? Frei nach dem Motto was war zu erst da, der Wunsch nach Kultur, der Drang sich auszudrücken, Natur zu gestalten oder die Kultur selbst, autonom und völlig losgelöst vom Menschen?

Wieder hilft die natürliche Definition des Kulturbegriffs. Auch wenn sich namhafte Philosophen wie Vico oder Descartes nicht einig sind, ob nun ihr Einfluss deskriptiv oder normativ zu verstehen ist, so stimmen sie doch darin überein, dass der Ursprung aller menschlichen Handlungen in der Natur liegt und somit auch seine beziehungsweise die Kultur! Sie ist Ausdruck seines „Instinktes“, der ihn dazu verleitet die „körperlichen Dinge“ (Vico) um ihn herum wahrzunehmen und in ihm das Verlangen weckt, diese stets mit seiner menschlichen- sprich von der Natur gegebenen- Seele zu „erkennen“ (Descartes).

Man könnte also durchaus sagen, am Anfang stand das Wort, welches der Mensch dann, aus seiner Veranlagung heraus, versuchte zu begreifen. Es galt also den Dingen Begriffe zuzuordnen. Kultur ist daher unser natürlicher Instinkt die Natur in der wir leben wahrzunehmen, sie zu ertasten, zu erkennen und schließlich sie durch einen „passenden“ Begriff so zu formen, wie wir sie begreifen.

Diese Definition der Kultur, hervorgegangen aus der menschlichen Kultivierung der Natur, erscheint plausibel. Durch ihre breitangelegte Fächerung gilt sie sowohl für unsere gegenwärtige Gesellschaftskultur, als auch für die Neuzeit oder die frühen Anfänge unseres Daseins- ohne dabei vorab zu werten oder zu kategorisieren. Trotzdem bleibt die „Natur-Kultur-Theorie“ nur ein Modell, welches gerade mit dem Ziel zu vereinfachen, verallgemeinert und so nie in der Lage sein kann die komplexen Zusammenhänge der Realität exakt wiederzugeben.

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