Rasterfahndung

Im Zeichen der Körper

Freitag Abend. 20h. Bibliothek Leuphana Universität Lüneburg. Menschen strömen ein, nicht aus. Die Bücherregale bleiben leer- oder zumindest werden sie nicht voller. Die Besucher drängen ins Foyer, nicht in die Lesehalle. Warum? Die schwarzen Linien auf grauem Grund, der Teppich direkt im Eingangsbereich, geben erste Hinweise. Hier passiert was, wohl möglich Kunst? Zunächst wenig Verständnis, Verwirrung- das muss Kunst sein! Unten Sitzplätze, oben Stehränge, in allen vier Ecken Scheinwerfer. Spot on! Musik ertönt: Bach, tatsächlich? Tänzer erobern den Zwischenraum, frei, völlig losgelöst von Zeit und Raum.. Modern Dance, Hip Hop. Stilbruch? Nein, wer sucht findet Verbindungen, entlang der Hilfslinien am Boden. Skizzen des Architekten Liebeskind, urbaner Raum, ebenso zaghaft wie dominant und statisch. Der Tanz bricht diese Strukturen auf, spielt mit ihnen, nimmt sie auf und bleibt doch in ihrem Raster gefangen. Keine Bewegung ohne Bezug zu der Enge, dem Wunsch nach eigenem Freiraum, Ausbruch, Geheimnissen. Verbotenes, Grenzbereiche, Schattenhaftes, Existenz zwischen Identität und Anonymität. Dazu oder dazwischen futuristische Klänge vermischt mit Eindrücken aus Klassik oder gar Barock. Die Schritte und Drehungen verändern sich. Suchen nach Schnittmengen, mal entlang der Linien, mal kreuz und quer. Schweigend, schreiend, tanzend. Ein unglaublich stimmiges Miteinander, obwohl die hoffnungslose Haltlosigkeit der kalten Formen am Boden stets präsent bleibt. Ein wahrhaft beschwingender Abend, dank der Tanzballet-Choreographie von Francisco Sanchez Martinez und seinem Ensemble.
Draußen auf den Straßenzwischenraum vor dem Asta Wohnzimmer kündigten leerstehende Bühnen schon das SONAR Festival des nächsten Tages an. Rasterfahndung ganz anders, am Tag der Musik. Im Kreuzverhör: die Obrigkeit. Musik im Genzbereich Punkt, Rock, Metal oder einfach nur dagegen. Ab und an schade zu sehen, wie stark wir doch geprägt sind. Von Vorurteilen, selbsterfüllenden Erwartungen und immer wieder überraschenden Ausreißern. Das SONAR hinterließ gemischte Gefühle. „Alle schwarz gekleidet, mit Kapuze und endlos laute Musik.“, so ein UWistudent. „Super rockig, die Band eines guten Freundes.“, die Eindrücke einer KUWIstudentin. Unterschiede in Körper und Form, wahrscheinlich aber eben auch ganz viel persönliche Distinktion.. zu gut Deutsch: jedeR mag was anderes. Nur beim Fußball scheinen sich dieser Tage die StudentInnen, die Lüneburger, gar ganz Deutschland einig zu sein. WIR haben gewonnen. Das weiß sogar die chinesisches Austauschstudentin in Campus 1. „Gomez macht alle Tore, naja heute eben nicht.“ Ach so ist das. Na dann auf in den Sommernachtstraum von einst. Da wünscht man sich ab und an doch wieder dynamisch, politische Kunst, die zu mehr aufruft. Auch wenn diese Zweckgebundenheit sonst eher auf Widerwille trifft. Ai Weiwei. Ein Künstler, ein Körper, Protest, Aktionskunst. Der Dokumentarfilm: Never Sorry wird jedenfalls mit Spannung erwartet. Und da der 3 HD Flatscreen nun schon im Biergarten steht, warum nicht mal da zeigen?

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