Auf der Suche..

.. nach dem roten Faden

Nicht gerade meine Stärke: Dinge auf den Punkt bringen. Dafür aber Verbindungen finden, sehen und suchen. Wie den roten Faden, der sich deutlich spürbar in letzter Zeit durch die Lüneburger Kulturszene zieht!
Gestern Abend, 19h, Freiraum Lüneburg. Man könnte meinen so fängt ein sachlicher Bericht einer stringenten Konferenz an, dem ist aber nicht so. Das Treffen, zum dem KKD erstmalig einlud, um alle Kulturschaffenden Lüneburgs zusammenzuführen, verlief entspannt; auf der sonnigen Terrasse, im Glasgewölbe und in den Büroräumen selbst, des Gebäudekomplexes Vierorte. Ein Treffen vieler Freunde, Bekannter, Kollegen und jener, die vielleicht bald dazu kommen mögen. Denn darum ging die Podiumsdiskussion, geleitet von der allseits aktiven Amelie Deuflhard (Kampnagel). Dialog, Transparenz, Partizipation und Austausch. Mal wieder die Schlagworte, aber in einem ganz neuen Ansatz. Tiefer, unangenehmer, dringlich an das eigene Ich gestellt. Denn wie oft ist man schon selbst wirklich offen für Neues? Was will KKD, aus dem Elfenbeinturm der Universität, herab gestiegen ins Reich des künstlerischen Fußvolks, in der ProvinzKunst gar? Viel. Aber nicht aufdringlich. Helfen. Das setzt Probleme voraus, Unstimmigkeiten, andersartige Ansätze. Das muss ja nicht sein, geht jedem so. Aber in Lüneburg ist eben schwer was los und so ließen sich rund 100 Gäste auf das Experiment ein. Lüneburg als kreatives Reagenzglas. Denn mal ganz ehrlich, wo wenn nicht hier? Wo findet man so viel Potential in einer vermeintlich abgeschiedenen, ländlichen Gegend? 40 % Prozent Pendler, allein in der Studentenschaft, bringen Mischung und Einflüsse aller Art in die Stadt. Von hier aus entwickelt sich Strahlkraft in das ganze „Konvergenzgebiet“. Kirchturm zu Leutchturm. Celle, Stade, Cuxhaven. Jeder kennt jemanden von dort, ist vernetzt und lebt mit den Impulsen der Metropolen Berlin und Hamburg. In digitalen, globalisierten Zeiten wird wohl keiner die räumliche Distanz als Störfaktor empfinden. Ganz im Gegenteil, viele Experten, Künstler, Kreative suchen bewusst die wundersamen Inspirationen des Lands, die Natur, das Nachhaltige, das vermeintlich „Schöne“ oder einfach die Ruhe. Das heißt, es sammelt sich gerade im Peripherieraum zwischen Hamburg und Berlin eine Fundgrube voller Ideenkarft und Tatendrang.
Also zurück zur Abendveranstaltung. Auch Frau Katja Assmann (Urbane Künste Ruhr), extra angereist aus dem urbanen RheinRhurGebiet schätzt das Querschießen in Grenzgebieten, am Rande der großen Städte. Hier toben Sie, ihr Team und vor allem ihre Künstler sich aus. Verbinden Städte am Abwasserkanal entlang, holen Einwohner vor Ort ins Boot und sprichwörtlich beim Umsteigen in der UBahn ab. Kultur als Lebenselixier. Nicht offen für alle, sondern bedingt durch alle. Integration, aber vor allem eben als Basis. Kunst und Kultur nicht verwässert ins Alltägliche, sondern aus den Menschen heraus geschaffen. Mal mit Anleitung, mal subtiler Unterstützung, immer begleitet und in der Kunst verortet. Keine Unorte, keine Tabus, keine Berührungsängste, keine Legitimationsnot, keine Unworte- höchstens missglückte Wortspiele. Wieder, sehr viele Ansprüche auf einmal. Nicht alles übertragbar auf jeden x-beliebigen Raum. Jedes Projekt bleibt individuell, ein Einzelfall und in diesem Beispiel gar ein finanziell gepushtes Vorgehen. Wer kann sich das schon leisten? Gottfried Hattinger, Organisator vom Festival der Regionen in Österreich, wagt es. Er agiert auch mit festen, aber geringerem Budget. Immer wieder neue Orte, immer wieder Unmut, immer wieder viele Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken. Gelebtes Kulturmanagement. Es gilt vor Ort zu forschen, sich einzuleben, Kontakte zu knüpfen und besonders wichtig: Ressourcen zu nutzen! So eine bunte Landschaft vielfältiger Vereine und bürgerlichem Engagement kann keine Stadt aufweisen. Auf dem Land sind die Menschen mit ihrer Heimat verwurzelt, pflegen und gestalten sie, genauso die Kultur. Neue Anreize von Außen können da bewusst Hierarchien aufbrechen, Systeme kreativ stören und in Wallung bringen. Hattinger tut dies mit beharrlicher Kontinuität, bis Neues entsteht. Die lange Reihe der Festivals zeigt nachhaltige Veränderungen. Kulturstrukturen, getragen von den ansässigen Bewohnern, im Kontakt mit überregionalen Künstlern.
Ähnliches möchte nun KKD leisten. Suspekt in einer kulturreichen Stadt wie Lüneburg. Wo bedarf es am „Management of change“? Institutionen und Kreative gibt es en masse, Netzwerke bauen sich stetig auf und Nachfrage besteht, mindestens ab 50+. Genug um kulturpolitisch abgesicherte Kunst und Kultur zu fördern. Aber darüber hinaus? Hat Lüneburg Spielraum, frei nach Schillers Spieltrieb? Kunst muss nicht gleich von klassisch in zeitgenössisch kippen, um neu zu sein. Nicht politisch, provokant oder verquerr werden, um in die Medien zu kommen. Andere Formate, Kommunikation und „wirGefühl“ sind auch Mittel, um von dem alteingesessenen Maßstab des Bildungsansatzes- für Elite- zum Lebensmittelpunkt – als Austauschplattform- zu kommen. Es muss nicht jeder Kunst und Kultur lieben, sie verstehen, gestalten, aber vielleicht sich in sie einbringen und darüber neue Wege finden oder anregen, bewusst auch außerhalb des üblichen Raums. KKD bietet nun Foren und Workshops an, um gemeinsam die Schwerpunkte der Region zu ermitteln, Bedarf und Bedürfnisse kennen zu lernen. Ein brodelndes Labor? Es liegt ganz an der Bereitschaft und Vermittlung in Lüneburg.
Aber zurück zum roten Faden und pathetischen Schlussworten. Die Stadt, die Uni, die Kreativen, bilden momentan überall Verbindungen. Herr Dr. Prof. Kirchberg erforsch die künstlerischen Netzwerke, Thore Debor fügt die Kreativwirtschaft viesuell zusammen, der Kulturstammtisch findet sich als engagierte Einheit zusammen, der Kulturrat zeigt sich transparent, überall sind die Zeichen auf Kooperation gestellt, die Weiche gleich geschaltet. Selbst die Studentenschaft verbindet sich mit Hilfe des Semestertickets Kultur bewusst mit den Institutionen vor Ort und nicht (nur) in Hamburg. Raum und Zeit also, Ideen, im phänomenologischen, mit wissenschaftlichen Standpunkten zu verbinden, Chancen zu nutzen und in die Logik des Seins ins Ganze zu überführen. „Das Wahre ist das Ganze, das Werdende!“, wie Herr Prof. Dr. Christoph Jamme ebenfalls gestern in der Ringvorlesung 10 Minuten Philosophie nach Hegel zitierte.
Roter Faden? Verknotet, an Vierorten: Kultur Institutionen, Freiraum, Universität und dem geistigen Gedankenspiel!

  2 comments for “Auf der Suche..

  1. NINA
    Mai 23, 2012 at 5:44 pm

    Macht Lust auf mehr!

  2. Laura Kowalewski
    Mai 30, 2012 at 9:37 am

    Die Vortragsreihe vom KDD mit dem Freiraum, der ja auch schimmernd schön und euphorisierend war, hier von einer kritischeren Warte betrachtet:
    http://kulturnett.de/?page_id=175#/20120530/gibt-es-einen-raum-fur-kunstproduktion-auerha-1633512/

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