Eins, zwei.. viele

Längst sind wir über diese steinzeitliche Zählweise hinweg. Seit gefühlten Urzeiten kennt jeder von uns den Begriff Masse. Mit all seinen negativen Konnotationen. Hektik, Lärm, schieben, drängen, quetschen, heraus quellen. Grau, lila Städte. Lautlose Gier, ineinander verhakt. Schnell. Schneller. Rasant. Beschleunigt. Autobahnen. Nicht erst seit Alfred Döblin ist er Gedankenstrom und die Montagetechnik, der einzige Weg im gleichen Tempo seiner Gedanken schreiben zu können. Das Thema Großstadt zur genüge hin und her gewälzt. Doch es scheint immer noch aktuell. Kommt an, wird gebraucht, verstanden, nachempfunden. Von eins, zwei, vielen. Es scheint sich aber etwas geändert zu haben. Off zu In. Eine Randerscheinung zum Mainstream. Typischer Kunstzyklus. Vielleicht aber auch ein Hinweis darauf, dass sich eben doch noch etwas mehr als bloß die Zeit geändert hat. Das Thema Großstadt ist nicht mehr Voraussetzung, wir alle fühlen uns gestresst. Ertrinken in der Masse, bewusst oder nicht. Sind Teil einer Menge. Schwarmintelligenz, Crowdsourcing, Blogger, User generated content, Entkörperlichung. Alles Begriffe, die uns ständig begegnen und darauf hinweisen, dass wir viele sind. Nicht mehr nur ein einsames Ich, Identität oft als Gruppenphänomen. Was bedeutet das? Finden wir es kategorisch schlecht, wehren wir uns? Nein. Wir leben damit, der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Zeiten ändern sich und nichts ist beständiger als der Wandel. Aber die Kopfschmerzen bleiben. Selbst wenn man sich eine Auszeit gönnt und nachmittags den Wecker stellt, um ein halbe Stunde abzusinken, den Kopf frei zu kriegen, hält einen dieser wach.

Weiße, leere Seiten schaukeln langsam im Wind, tanzen auf ihren Sinkflug von links nach rechts, untermalt von Klassischer Musik, in einem alten Opernhaus. Menschen strömen ein und aus. Nackte Körper schaffen Raum für barocke Inszenierungen, winden sich zu christlichen Motiven den Himmel entgegen oder krümmen sich als Dämonen im Fegefeuer. Bewegungen werden zu Schaumbildern. Formen erstarren weit ausgedehnt, ziehen sich plötzlich zusammen, zucken, hüpfen. Reihungen und plastische Ausdrucksstärke, ein einzigartiges Wechselspieles zwischen Licht und Farbe wie bei Caravaggio.

Tanz. Theater. Fotografie. Film. Ton und Licht. Die Genre und Stilmittel der zeitgenössischen Kunst schrecken nicht davor zurück die rasanten Phänomene des modernen Alltags aufzugreifen, widerzuspiegeln. Aber auch aufzubrechen. Still zulegen. Festgehaltene Augenblicke, in die Unendlichkeit zu zerren. Ruhe. Detailaufnahmen. Gefolgt von Rhythmus, Tempiwechseln, Überreizung, Füllhorn der Eindrücke. Trotzdem schafft Kunst immer noch diesen sonderbaren Raum, der eigenen Ökonomie, Zeitlichkeit, Werte, Fantasien. Illusion Kunst. Nur zusammengehalten durch ein stillschweigendes Abkommen, der Anerkennung, von Macht, Kräften, Knotenpunkten. Aber es funktioniert. Inspiration finden, ausklinken, frei sein oder wenigstens Denken, barrierelos. Egal, ob gemeinsam oder allein. Vielleicht sogar als Trend einer Masse, einer neuen Generation. Als Antwort auf die endlosen Überschneidungen der Sinne.
Weil hier Veränderung Innovation bedeutet, Geschwindigkeit Lebensfreue, Chaos als Struktur Bestand hat, bunte Vielfalt Pluralität und Toleranz darstellt. Im Abendteuerland Internet oft genug auf der Seite Arte+7 wiederzufinden, speziell bei Metropolis.

Heute Abend bedeutet das: 1 Flur, 100 Gäste, Studentenparty. Morgen, abertausend Füße, Augen und Stimmen bei der langen Nacht der Museen. Weil’s trotzdem Spaß macht.

 

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