Künstlergespräch mit Tobias Kaspar in der Halle für Kunst in Lüneburg

Fragmenthaft finden sich die kontextuell gebundene Bildsprache aus Fotografien, Textstücken und Raumkonstruktion zusammen. Frei und völlig bruchhaft, auseinander dividierbar oder doch gewollt arrangiert, verortet durch tieferen Sinn?

„Ein Junge und ein Mädchen, in sommerlicher Kleidung im Palazzo Venier di Leoni in Venedig, sind die Hauptakteure einer Serie von Fotografien, die in der Ausstellung „Bodies in the Backdrop“ gezeigt werden. Neben den beiden Adoleszenten bilden die Fotografien Details der Räume und andere Besucher/innen ab, festgehalten zwischen bruchstückhaft abgelichteten Kunstwerken und Interieuransichten der Sammlung von Peggy Guggenheim. Die Passepartous sind versehen mit Exzerpten aus „Confessions of an Art Addict“ (1946), den Memoiren der Galeristin, Sammlerin und Mäzenin Peggy Guggenheim. Die Zitate, die keinerlei Daten, Namen oder Orte benennen, werden durch ihre Dekontextualisierung zu kontingenten Satzfragmenten, wobei die erstaunlich zeitgenössisch anmutende Alltagssprache mühelos die Abstände zwischen den Dekaden nivelliert.“
Kein April Scherz, so lautet die Beschreibung zur soeben besuchten Ausstellung. Doch die schwer greifbaren, konzeptionelle Gedankengänge wurden durch das lebhafte Vermittlungsprogramm, begleitend zur Ausstellung, anschaulich. So gestaltete sich die Finissage heute als Künstlergespräch, statt wie häufig etabliert, als prunkvolle Champagner Party.
Der geladene Künstler Tobias Kaspar, der die Werke schuf, die Räumlichkeiten gestaltete und mit Hannes Loichinger und Valérie Knoll die Ausstellung kuratierte, erläutert die Zusammenhänge zwischen dem: „…exzentrischen und zugleich minimalistischen Display, das sich aus Plexiglaskonstruktionen, einem rotem Teppich und einer temporären Ausstellungswand zusammensetzt.“
Die Verbindungen sind spielerisch leicht, aber nicht einfach. Eher sogar von schwerer Konzeptionslast geprägt. Zitate, Künstler, Philosophen, Dichter, Autoren, Anspielungen, Zeitgeist, Generationen, Filmpassagen.. alles spielt hinein. Ins Denken, ins Arbeiten, ins Sein.
„Ein Interesse an Formen des Begehrens, Ökonomien der Sichtbarkeit, Repräsentations- und Vermarktungspraxen wird verbunden mit Überlegungen zur Opposition von Autonomie, nicht zuletzt gesichert über die Bewertung durch Peers, und Heteronomie, wie beispielsweise Marktdominanz und Popularität. Mit diesem Interesse an Beziehungsnetzen im Kunstfeld fokussiert Kaspar indessen weniger auf die institutionellen Rahmenbedingungen, sondern richtet den zwischen Intimität und kühler Distanziertheit gehaltenen Blick auf die Akteure selber.“
Der Besucher findet sich selbst widergespiegelt, als Betrachter im Bild, als Voyeur, als Bruchteil eines Ganzen oder aber als Splitter, als individuelles Einzelteil, welches die komplexe Sicht des Kontextes wohl nie erfassen wird. Schüler des hiesigen Gymnasiums haben so auch beim gegenseitigen fotografieren und beobachten der Mitschüler in der selbigen Ausstellung, Eindrücke wie: einzigartig, komisch oder irgendwie seltsam niedergeschrieben.
Gelungene Ausstellung, Räumlichkeit und Bespielung greifen sich gegenseitig auf, zitieren sich und schaffen fiktiv einen Raum des Kunstmarks, zeigen auf, wie Zusammenhänge willkürlich konstruktiv entstehen und jeder Einzelne Teil wird, ohne alles zu verstehen

Das begleitende Programm aus Filmbeiträgen, Führung und Vortrag sind sehr gelungen und locken sicher auch wieder bei der nächsten Ausstellung!

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